Wie Musik bei NORDKREIS entsteht
Über Ideen, Stimmen, Studiotechnik und eine Musikwelt im Wandel
Werk vor Werkzeug.Eine Einordnung aus dem Studio8006 – ruhig, offen und ohne den Anspruch, eine komplexe Entwicklung auf eine einzige Antwort zu verkürzen.
Wer Musik von NORDKREIS hört, soll auch wissen dürfen, wie sie entsteht.
Die musikalischen Produktionen von NORDKREIS entstehen in einem iterativen digitalen Produktionsprozess. Texte, Themen, dramaturgische Konzepte und die kreative Richtung entstehen bei NORDKREIS. Für die musikalische Umsetzung werden unter anderem generative Studiowerkzeuge eingesetzt. Aus unterschiedlichen Entwürfen werden Fassungen ausgewählt, weiterentwickelt, kombiniert und bearbeitet.
Eine Idee muss etwas auslösen.
Im Studio werden Strukturen aufgebaut, verworfen und neu zusammengesetzt. Instrumentierungen werden ausgewählt, Harmonien und Übergänge verändert, einzelne Passagen verlängert oder gekürzt, Stimmen ausprobiert, Elemente ersetzt und unterschiedliche Fassungen miteinander verglichen.
Danach folgen Arrangement, Klanggestaltung, Schnitt, Mischung und Mastering.
Digitale Werkzeuge sind Teil dieses Prozesses. Teilweise sehr weitreichende Werkzeuge.
Aber die Entscheidung darüber, was ein Stück erzählen soll, wie es aufgebaut ist, welche Fassung bleibt und welche verworfen wird, liegt bei uns.
Nicht der Knopfdruck ist der Anfang. Die Entscheidung ist es.
Und die Stimmen?
Auch hier möchten wir transparent sein.
NORDKREIS arbeitet mit unterschiedlichen Formen von Stimmen.
Einige Aufnahmen werden von uns selbst oder von beteiligten Künstlerinnen und Künstlern eingesungen. Wie in heutiger Musikproduktion üblich, können solche Aufnahmen anschliessend digital bearbeitet, klanglich geglättet, korrigiert oder verändert werden.
Bei anderen Produktionen arbeiten wir mit digital erzeugten Studiostimmen. Sie sind Teil der klanglichen Gestaltung eines Stückes – vergleichbar mit anderen elektronischen Instrumenten und Produktionswerkzeugen, auch wenn die technischen Möglichkeiten inzwischen sehr viel weiter reichen als bei einem klassischen Synthesizer.
Wo eine reale Gesangsaufnahme die Grundlage bildet, machen wir dies bei den jeweiligen Credits sichtbar, beispielsweise mit:
Voice: (Name) – digitally refined
Damit soll erkennbar bleiben, wo hinter der Stimme eine eingesungene Performance steht.
Wo eine Stimme vollständig digital erzeugt wurde, möchten wir auch daraus keine menschliche Gesangsleistung konstruieren, die so nicht stattgefunden hat.
Transparenz bedeutet für uns nicht, jedes technische Werkzeug in den Vordergrund zu stellen. Sie bedeutet aber, keinen falschen Eindruck darüber entstehen zu lassen, wie ein Werk entstanden ist.
Eine Stimme kann gestaltet sein. Ihre Herkunft soll trotzdem lesbar bleiben.
Was bedeutet heute überhaupt noch «im Studio produziert»?
Diese Frage ist inzwischen schwieriger zu beantworten, als es zunächst scheint.
Studiomusikerinnen und Studiomusiker gibt es weiterhin. Sängerinnen, Instrumentalisten, Produzenten, Toningenieurinnen sowie Mixing- und Mastering-Engineers arbeiten nach wie vor an unzähligen professionellen Produktionen.
Gleichzeitig hat sich das Studio selbst verändert. Schon lange besteht Musikproduktion nicht mehr nur aus Mikrofon, Instrument, Mischpult und Tonband.
Digitale Audio Workstations, virtuelle Instrumente, Samples, Pitch Correction, automatische Timing-Korrekturen, digitale Verstärker, Drum Replacement und softwaregestütztes Mastering gehören seit Jahren zum Produktionsalltag.
Inzwischen analysieren professionelle Werkzeuge zusätzlich Mischungen, erkennen Frequenzprobleme, trennen Bestandteile einer Aufnahme oder schlagen Einstellungen für Mixing und Mastering vor.
Nicht unbedingt das Mischpult selbst ist also «intelligent» geworden. Vielmehr befindet sich rund um das Mischpult und innerhalb der digitalen Studioumgebung eine wachsende Zahl von Werkzeugen, die Analyse- und Produktionsprozesse unterstützen.
Das macht die Frage nach «menschlich» oder «maschinell» zunehmend weniger eindeutig.
Das Studio ist kein Ort geblieben. Es ist ein Prozess geworden.
Eine Branche in einem aussergewöhnlichen Umbruch
Deezer berichtete im ersten Halbjahr 2026 zeitweise von nahezu 90'000 vollständig synthetisch erzeugten Tracks pro Tag – bei Spitzenwerten von mehr als der Hälfte der täglichen Lieferungen.
Gleichzeitig entfielen laut Deezer auf diese Titel lediglich etwa 1 bis 3 Prozent der tatsächlichen Streams.
Die Zahl sagt deshalb zwei Dinge gleichzeitig. Es ist heute technisch möglich geworden, Musik in einer bisher unvorstellbaren Menge zu produzieren. Aber Menge ist nicht dasselbe wie Bedeutung, Publikum oder künstlerische Relevanz.
Spotify veröffentlicht derzeit keine direkt vergleichbare Quote vollständig synthetisch erzeugter Uploads. Die Plattform teilte jedoch mit, innerhalb eines Zeitraums von zwölf Monaten mehr als 75 Millionen als Spam eingestufte Tracks entfernt zu haben.
Gleichzeitig wird zunehmend deutlich, dass moderne Musikproduktion nicht sinnvoll nur in zwei Kategorien – «technisch erzeugt» oder «nicht technisch erzeugt» – aufgeteilt werden kann. Zwischen einem vollständig automatisiert erzeugten Stück und einer menschlich entwickelten Produktion, bei der digitale Werkzeuge an verschiedenen Stellen eingesetzt werden, liegt ein sehr grosses Spektrum.
Das scheint uns ein wichtiger Unterschied zu sein.
Das Problem beginnt nicht zwangsläufig dort, wo neue Technologie verwendet wird. Es beginnt dort, wo Herkunft verschleiert wird, Identitäten kopiert werden, fremde kreative Arbeit ohne Zustimmung benutzt wird oder Musik in industriellen Mengen produziert wird, um Aufmerksamkeit und Vergütungssysteme auszunutzen.
Menge ist nicht dasselbe wie Bedeutung.
Die Kritik daran ist berechtigt
Gerade Musikerinnen, Musiker, Komponistinnen, Komponisten sowie Autorinnen und Autoren weisen auf einen zentralen Konflikt hin:
Viele leistungsfähige Systeme konnten nur entstehen, weil enorme Mengen bereits vorhandener Musik analysiert wurden. Dabei ist bis heute keineswegs überall geklärt, ob die Menschen, deren Werke dazu beigetragen haben, vorher gefragt wurden oder angemessen daran beteiligt werden.
Diese Sorge ist berechtigt.
Die Schweizer Urheberrechtsgesellschaft SUISA gehört zu den Organisationen, die klare Regeln und eine faire Vergütung fordern. Gleichzeitig wird auch dort darauf hingewiesen, dass neue Technologien durchaus hilfreiche Werkzeuge für Ideenfindung und Produktionsprozesse sein können.
Entscheidend ist unter anderem, ob menschliche schöpferische Leistung vorhanden ist und ob die Rechte anderer respektiert werden.
Auch rechtlich befindet sich vieles noch im Entstehen. Neue Regeln, Kennzeichnungspflichten und Vergütungsmodelle werden diskutiert und entwickelt.
Wir befinden uns deshalb nicht am Ende einer Diskussion. Wir stehen ziemlich genau mittendrin.
Offenheit beginnt dort, wo Zustimmung und Herkunft nicht nebensächlich werden.
Und was bedeutet das für NORDKREIS?
NORDKREIS möchte diese Entwicklung weder verklären noch verteufeln.
Wir wollen Werkzeuge verwenden dürfen, die uns helfen, eine musikalische Idee umzusetzen. Gleichzeitig respektieren wir die Menschen, deren Beruf und Lebenswerk Musik ist, und verstehen die Sorge davor, dass Stimmen, Kompositionen und Aufnahmen ohne Zustimmung übernommen oder nachgebildet werden.
Für uns bleibt deshalb eine Grenze wichtig:
Technik darf Werkzeug sein. Sie soll nicht zur Behauptung einer Leistung werden, die nie stattgefunden hat.
Ein digital erzeugter Sänger ist kein Sänger, der eines Nachmittags bei uns am Mikrofon stand. Eine bearbeitete menschliche Stimme dagegen hat eine reale Performance als Ausgangspunkt. Diesen Unterschied möchten wir nicht verwischen.
Und trotzdem sehen wir in der neuen Entwicklung auch eine Möglichkeit.
Denn Musikproduktion war lange nicht nur eine Frage von Kreativität. Sie war auch eine Frage von Zugang: zu Musikerinnen und Musikern, Studios, Produzenten, Technik, Zeit und beträchtlichen finanziellen Mitteln.
Heute können Menschen musikalische Ideen umsetzen, die früher vielleicht als Text in einem Notizbuch geblieben wären. Sie können Geschichten vertonen, Klänge ausprobieren, Arrangements bauen, Bilder mit Musik verbinden und Projekte realisieren, obwohl sie weder Teil eines Labels noch eines professionellen Produktionsnetzwerks sind.
Das ersetzt nicht die Musikerin, die ihr Instrument über Jahrzehnte beherrscht. Es ersetzt nicht den Sänger, dessen Stimme aus Erfahrung, Körper und Persönlichkeit entsteht. Und es ersetzt auch nicht die besondere Energie, wenn Menschen gemeinsam Musik spielen.
Es eröffnet etwas anderes.
Einen zusätzlichen Raum für Kreativität.
Im Umfeld von NORDKREIS können solche Musik-, Bild- und Kreativarbeiten auch in psychosozialen Begleitungen und therapieunterstützenden Massnahmen durch EFPpsy eingesetzt werden. Sie sind dabei keine Therapie und kein Heilversprechen. Sie können als kreative Impulse dienen – zum Zuhören, für Ausdruck, Orientierung und Lebens- und Kreativitätsaktivierung. Die konkreten Angebote entstehen schrittweise und stehen unter fachärztlicher Kontrolle.
NORDKREIS ist in diesem Raum entstanden. Unsere Musik soll deshalb nicht vorgeben, etwas zu sein, was sie nicht ist. Aber sie soll sich auch nicht dafür entschuldigen müssen, mit den Werkzeugen ihrer Zeit entstanden zu sein.
Am Ende möchten wir an etwas erstaunlich Altmodischem festhalten:
Eine Idee muss etwas auslösen.
Ein Text muss etwas erzählen.
Und ein Stück muss einen Grund haben, weshalb es existiert.
Wie viele Kabel, Instrumente, Menschen oder digitale Werkzeuge auf dem Weg dorthin beteiligt waren, ist Teil seiner Entstehungsgeschichte.
Nicht seine ganze Geschichte.
Werk vor Werkzeug.
Voice Credits
Die Bezeichnungen machen künftig sichtbar, ob einer Stimme eine reale Gesangsaufnahme zugrunde liegt oder ob sie als Bestandteil der digitalen Studioproduktion entstanden ist.
Reale Gesangsaufnahme.
Reale Gesangsaufnahme als Grundlage; anschliessend digital klanglich bearbeitet.
Stimme wurde als Bestandteil der digitalen Studioproduktion erzeugt.
Quellen & weiterführende Informationen
Die Quellen dienen der Einordnung der beschriebenen Entwicklungen. Die Zahlen zu Deezer und Spotify beziehen sich auf die jeweiligen Veröffentlichungen der Plattformen und sind keine allgemeine Messung des gesamten Musikmarkts.
- SUISAUrheberrecht und Musikschaffende in der Schweiz
- SUISA BlogPositionen zu digitalen Entwicklungen und fairer Vergütung
- Deezer Newsroom / H1 2026Angaben zu synthetischen Tracks und täglichen Lieferungen
- Deezer Newsroom / April 2026Einordnung des Anteils an Uploads und Streams
- Spotify NewsroomSchutzmassnahmen, Transparenz und Spam-Bekämpfung
- Musicians’ UnionStimmen, digitale Repliken und Zustimmung
- iZotopeProfessionelle digitale Studiowerkzeuge