NORDKREIS / 8006
← Zurück zu Kollabs

KOLLAB / MEDRELAX PROFESSIONAL® × NORDKREIS

«Han grad
100 Täbs i
mim Chopf»

ADHS im Fokus – ein Musikworkshop zwischen innerer Unruhe, Selbstregulation und Kreativität.

Aus Gedanken wurden Worte.
Aus Worten wurde ein Song.

MEDRELAX PROFESSIONAL® × NORDKREIS

Der Song
aus dem Workshop.

Der Song ist im Workshop entstanden. Hör ihn hier – die vollständige Workshop-Notiz bleibt darunter lesbar.

0:00 / --:--
Symbolische Darstellung einer Jugendgruppe beim gemeinsamen Musikworkshop
Symbolisches Beispielbild – keine Aufnahme aus dem Workshop.Zum Schutz der Privatsphäre zeigen wir keine realen Teilnehmenden.

Was geschieht, wenn Jugendliche mit ADHS nicht nur über Konzentration, Unruhe und Impulsivität sprechen, sondern gemeinsam ausprobieren, wie sie ihre eigene Energie regulieren und gleichzeitig kreativ nutzen können?

In einem medrelax-Workshop mit Jugendlichen mit ADHS wurden Medizinische Entspannungsverfahren, die Reflexion eigener Alltagserfahrungen und kreatives Arbeiten miteinander verbunden.

Der Workshop fand im Mai 2026 als Angebot der medrelax professional statt.

Aus Gedanken wurden Worte.
Aus Worten wurde ein Song.

Und gerade der Weg zu diesem Song war ein wesentlicher Teil des Workshops.

«Du verzellsch miär en Gschicht, aber min Chopf isch scho voll mit mine eigene Storys. SORRY! Han grad 100 Täbs i mim Chopf glichziitig offe.»

Diese Zeilen entstanden im Workshop. Sie sind keine klinische Beschreibung von «dem ADHS». Sie geben vielmehr einem subjektiven Erleben eine Sprache: Gedanken, Eindrücke und Impulse konkurrieren gleichzeitig um Aufmerksamkeit.

Wenn alles gleichzeitig Aufmerksamkeit verlangt

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – ADHS – ist gekennzeichnet durch unterschiedliche Ausprägungen von Unaufmerksamkeit beziehungsweise erhöhter Ablenkbarkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Schwierigkeiten können unter anderem darin bestehen, die Aufmerksamkeit bei fehlenden starken Stimuli länger fokussiert zu halten. Impulsivität kann dazu führen, unmittelbar auf einen Reiz zu reagieren, bevor Konsequenzen ausreichend bedacht werden. Die Symptomatik beginnt in der Kindheit und kann bis ins Erwachsenenalter fortbestehen.

Im Song erscheint dieses Erleben als eindrückliches Bild:

«Vielzviel Gedanke flüget vo rechts nach links, quer dur de Ruum und pralled wieder zrugg i min Chopf.»

Und wenig später:

«Strom flüsst dur min Körper, alles chriblet, tuusig Sache wo ich mache muess, aber kei Afang in Sicht.»

Aus Sicht der Entspannungsmedizin lässt sich eine solche Symptomatik unter anderem über ein antriebgesteigert-hyperaktives Syndrom betrachten. Die gesteigerte Aktivität betrifft dabei nicht nur sichtbare Bewegung. Sie kann sich auch in Aufmerksamkeit und Denken, Affekten, Körperanspannung und Verhalten zeigen: erhöhte Ablenkbarkeit, Ideenvielfalt, ein rasches Verlieren des gedanklichen Fadens, Impulsivität und motorische Unruhe gehören zu den beschriebenen Phänomenen.

Das bedeutet nicht, dass alle Jugendlichen mit ADHS dasselbe erleben. Der Song gibt vielmehr einzelnen Erfahrungen eine Stimme.

«Gib mer nur es bitzeli Rueh»

Ein Satz kehrt im Song immer wieder zurück:

«Nur es bitzeli Rueh, gib mer nur es bitzeli Rueh.»

Damit berührt der Song einen zentralen Gedanken des Workshops.

Medizinische Entspannungsverfahren – kurz MEV – sollen nicht einfach dazu bringen, stillzusitzen. Aus entspannungsmedizinischer Sicht geht es vielmehr darum, einen selbstaktiven Umgang mit Anspannung, innerer Erregtheit und Unruhe zu entwickeln.

Beim antriebgesteigert-hyperaktiven Syndrom stehen als mögliche Ansatzpunkte ein Langsamerwerden, eine Beruhigung von Motorik und Denken sowie ein affektiver Ausgleich im Vordergrund.

Im Workshop wurden deshalb Elemente Medizinischer Entspannungsverfahren als Coping Skills vermittelt.

Nicht als Forderung:

Jetzt musst du ruhig sein.

Sondern als Erfahrung:

Ich kann etwas tun, wenn mir alles gerade zu viel wird.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Kurze Skills statt langer Stille

Gerade bei ausgeprägten Aufmerksamkeits- und Konzentrationsproblemen wäre es wenig sinnvoll, von Anfang an lange Phasen stiller Konzentration zu verlangen.

Aus entspannungsmedizinischer Sicht bietet sich deshalb insbesondere ein Einstieg über die medizinische Progressive Muskelentspannung – med. PME – an. Die Aufmerksamkeit wird dabei an eine konkrete körperliche Handlung gebunden: anspannen, wahrnehmen, loslassen.

Bei stärker ausgeprägter hyperaktiver Symptomatik werden zunächst kurze und mehrfach wiederholte Übungseinheiten empfohlen. Erst später kann versucht werden, den Entspannungszustand länger zu halten. Auch dann kann bei Bedarf wieder auf die motorisch gebundene PME zurückgegriffen werden.

Genau dieser Gedanke wurde im Workshop auch auf die kreative Arbeit übertragen.

Es musste nicht eine Stunde lang konzentriert gearbeitet werden.

Man konnte arbeiten.
Abschweifen.
Merken, dass man abgeschweift war.
Einen Coping Skill einsetzen.
Und zurückkehren.

Das verschwundene Vögeli

Eine der stärksten Passagen des Songs beschreibt zunächst einen ganz ruhigen Augenblick:

«Und dänn gsehn ich es Vögeli uf em Baum, en ruhige Wind streichelt miär übers Gsicht, eigentlech wär das so en Moment wo d'Rueh sin eigene Platz find.»

Doch dieser Moment hält nicht lange.

Plötzlich ist da der Bagger fünf Strassen weiter. Eine Person am Handy. Eine zuschlagende Autotür.

Und schliesslich:

«Mis Vögeli uf em Baum isch weg, au wenn es eigentlich no da isch.»

Das ist ein einfaches, aber starkes Bild für Aufmerksamkeit.

Der Vogel ist nicht verschwunden.

Er ist noch da.

Aber er ist aus dem Fokus geraten.

Genau hier entstand eine Verbindung zur Arbeit mit den Medizinischen Entspannungsverfahren. Aufmerksamkeit wurde im Workshop nicht als etwas verstanden, das entweder «funktioniert» oder «nicht funktioniert».

Sie kann verlorengehen.

Und sie kann wieder zurückgeholt werden.

Das Ziel war deshalb nicht eine vollkommen störungsfreie Konzentration.

Das Ziel war das Zurückkommen.

Kreativität nicht bremsen – sondern bündeln

Im Workshop sollte ADHS ausdrücklich nicht auf Defizite reduziert werden.

Genauso wenig sollte es romantisiert werden.

Der Song ist in dieser Hinsicht ziemlich eindeutig:

«A D H S, es kikkt mi voll durs Läbe.
A D H S laht mich niid mis Läbe lebe.»

Im Outro wird ADHS sogar zu einem «Monschter», das den Moment klaut, und zu einem «Tintenfisch», dessen Tentakel in unterschiedliche Richtungen ziehen.

Das sind Bilder für Belastung.

Deshalb wäre es zu einfach gewesen, den Jugendlichen einfach zu sagen:

ADHS ist doch eigentlich eine Superkraft.

Darum ging es nicht.

Die ressourcenorientierte Frage lautete vielmehr:

Was kann ich gut – und was hilft mir dabei, diese Fähigkeit tatsächlich nutzen zu können?

Schnell entstehen neue Gedanken. Ungewöhnliche Verbindungen können auftauchen. Es gibt Spontaneität, Begeisterungsfähigkeit, intensive Interessen und kreative Impulse.

Das kann eine Ressource sein.

Aber eine Ressource wird noch nicht dadurch hilfreich, dass sie vorhanden ist.

Sie muss im richtigen Moment verfügbar werden.

Genau deshalb wurde im Workshop gemeinsam nach der persönlichen «Superkraft» gesucht – ohne die Schwierigkeiten des Alltags schönzureden.

Die Frage war nicht:

Ist ADHS eine Superkraft?

Sondern:

Welche Fähigkeiten und Eigenheiten gehören zu mir – und wie kann ich lernen, sie so einzusetzen, dass sie mir helfen?

Der Song selbst wurde zur Übung

Dann begann das Songwriting.

Ideen kamen schnell.

Manche passten sofort. Andere nicht.

Sätze wurden verändert. Bilder entstanden. Ideen mussten festgehalten, diskutiert, ausgewählt und manchmal wieder verworfen werden.

Und plötzlich wurde genau das benötigt, worüber vorher gesprochen worden war:

Aufmerksamkeit bündeln. Impulse für einen Moment zurückhalten. Anderen zuhören. Eine Idee weiterentwickeln. Frustration aushalten. Und an einer Sache dranbleiben.

Damit wurde der kreative Prozess selbst zu einem Übungsraum für Selbstregulation.

Nicht gegen Kreativität.

Sondern damit aus Kreativität tatsächlich etwas entstehen konnte.

«A D H S gib mer en Punkt»

Im Song heisst es:

«Ich rede und rede und find debi keis End, wo isch de Afang, wo isch de Schluss? A D H S gib mer en Punkt.»

Vielleicht beschreibt gerade diese Zeile besonders gut, was während des Workshops immer wieder praktisch ausprobiert wurde.

Einen Punkt setzen.

Kurz anhalten.

Wahrnehmen.

Und entscheiden, womit es weitergeht.

Die Coping Skills aus den Medizinischen Entspannungsverfahren wurden damit nicht isoliert geübt. Sie bekamen unmittelbar eine Funktion.

Wenn die Aufmerksamkeit auseinanderlief, konnte versucht werden, sie wieder zu sammeln.

Wenn die innere Unruhe zunahm, konnte ausprobiert werden, körperlich etwas herunterzufahren.

Und danach ging es weiter.

Mit dem Text.
Mit dem Beat.
Mit dem Song.

Kein «ADHS wegentspannen»

Der Workshop verfolgte ausdrücklich nicht die Vorstellung, ADHS durch Entspannung oder Musik zum Verschwinden bringen zu können.

Medizinische Entspannungsverfahren können ergänzend als selbstaktive Strategien zur Regulation von Anspannung, Unruhe und Affekten sowie zur Arbeit an der Aufmerksamkeitssteuerung eingesetzt werden. Dabei müssen Verfahren und Anforderungen an die jeweilige Person angepasst werden. Gerade bei ausgeprägten Aufmerksamkeitsproblemen sollen Überforderung, Frustration und vorzeitige Abbrüche vermieden werden.

Auch die Musik wurde in diesem Workshop nicht zur Therapie erklärt.

Sie hatte eine andere Funktion.

Sie gab der Gruppe etwas, worauf Aufmerksamkeit gemeinsam ausgerichtet werden konnte.

Und plötzlich gibt es einen Song

Am Anfang standen Jugendliche, ihre persönlichen Erfahrungen mit ADHS und Fragen wie:

Warum ist mein Kopf manchmal so voll?

Warum zieht meine Aufmerksamkeit ständig weiter?

Was passiert, wenn mir alles zu viel wird?

Was hilft mir dabei, wieder einen Fokus zu finden?

Und was kann ich eigentlich besonders gut?

Daraus entstanden Gespräche, Übungen, einzelne Sätze und Bilder.

Die 100 Täbs im Chopf.

Der Strom im Körper.

Die innere Achterbahn.

Das Vögeli auf dem Baum.

Der Tintenfisch mit seinen Tentakeln.

Und immer wieder der Wunsch:

«Nur es bitzeli Rueh.»

Aus all dem entstand schliesslich ein Song.

Vielleicht liegt darin eine der wichtigsten Erfahrungen dieses Workshops:

Nicht jedes Chaos muss zuerst verschwinden, bevor etwas entstehen kann.

Manchmal genügt es, für einen Moment einen Teil davon zu bündeln.

Dann den nächsten.

Und dann noch einen.

Bis aus vielen Gedanken plötzlich etwas Gemeinsames geworden ist.

Musik.

Für euch

Dieser Song und diese Geschichte sind den Jugendlichen gewidmet, die den Workshop mit ihren Erfahrungen, Gedanken, Ideen, ihrem Humor und ihrer Kreativität geprägt haben:

Laura, Joel, Timra, Kiri, Leandro, Noah und Luca.

Danke für eure Offenheit und dafür, dass ihr euch auf diesen gemeinsamen Prozess eingelassen habt.

Aus vielen Gedanken, Umwegen, Momenten der Unruhe, Konzentration und Kreativität ist etwas Eigenes entstanden.

Credits
Project: medrelax professional® × NORDKREIS
Text: Participants of the medrelax workshop
Music & arrangement: developed with workshop participants
Voice: Digital Studio Voice
Production: studio8006

Veröffentlicht unter NORDKREIS

Fachlich medizinisch begleitet wurde der Workshop von Dr. med. H. E. Truffer, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie sowie medizinischer Leiter von medrelax.

Durchgeführt von Charles Iruthayanthar, M. Sc. ETH in Gesundheitswissenschaften und Technologie, Vertiefung Neurowissenschaften
B. A. ZFH in Angewandte Sprachen, Vertiefung Mehrsprachige Kommunikation
Certificate of Westminster University in Language Learning & Teaching
Qualitätsverantwortlicher: medrelax